Napoleon lebt auf Elba
von Friederich Mielke
Wer in die Toskana reist, kann Napoleon auf Elba besuchen. Der abgedankte Korse und Kaiser herrschte hier als Diktator auf Zeit. Vom 3. Mai 1814 zum 26. Februar 1815 war Elba ein unabhängiges Reich Napoleons. Er blieb nicht; er ging nach Frankreich zurück, erlebte sein Waterloo, starb auf St. Helena.
Für Napoleon-Fans ist Elba ein Muss. Der Blick vom Garten des Palazzina dei Mulini auf Meer und toskanische Küste ist der Blick des Kaisers: Hier plante er seine ruhmreiche Rückkehr, hier dachte er an die treulose Kaiserin Marie-Louise, die auf Banketten tanzte und ihn nicht besuchte, hier ließ er die schöne Maria Walewska zurückweisen, als sie ihn samt illegitimem Sohn besuchen wollte.
Elba lässt sich bequem erreichen; zwei Fährlinien fahren stündlich vom toskanischen Piombino nach Portoferraio auf Elba. Für den Tagesausflug bleibt der Wagen auf dem Festland. Enge Gassen und steile Treppen führen zum Palazzina Napoleonica. Die „Winterresidenz“ des Impereur thront über der Stadt zwischen Forte Stella und Forte Falcone. Schroffe Klippen fallen zum Meer hinab. Ein Felsspalt heißt das „Bad Napoleons“, hier soll er gebadet haben...
Der Geist des kleinen großen Korsen lebt in der Residenz. Offene Fenster in der „Galerie“ bringen Luft und Licht ins Haus. Die Möbel im Empirestil kommen aus Fontainebleau. Der Kaiser stand im Saal und begrüßte die inoffiziellen Besucher. An der Wand Reproduktionen bekannter Napoleon-Bilder: Davids Reiterportrait vom Kaiser am Großen St. Bernhard. Mit wenig Phantasie sieht man Napoleon im Ambiente von toskanischen Wandtischen, lombardischen Sesseln und französischen Spiegeln stehen.
Die Bibliothek: 2000 in Leder gebundene Bände in vier Bücherregalen, eine Histoire de France, viel Geschichte, etwas Literatur. Er hat die Bücher aus Fontainebleau bringen lassen. Die in rotem Maroquinleder gebundenen Bücher tragen ein „N“ samt kaiserlichem Wappen auf dem Buchrücken. Ein Lesepult aus vergoldetem Holz steht zwischen den Regalen. Alle Bücher sind auf Französisch gedruckt. Hat er sie gelesen?
Napoleons Bett ist mit goldenen Schnitzarbeiten dekoriert. Welche Frau hat ihn beglückt? Die Ehe mit Joséphine war annulliert, seine zweite Frau Marie-Louise kam nicht nach Elba, und die Geliebte Maria Walewska wollte er nicht. Er schlief allein zwischen den lombardischen Möbeln und träumte von Schlachtenruhm und Liebesglück. Auf Elba hatte er Muße, seinen Lebensweg zu überdenken. Weil die Ehefrau nicht kam, leistete ihm Schwester Paolina Gesellschaft; sie bewohnte einen Trakt mit Studierzimmer, Boudoir, Wohnzimmer und Garderobe, Räume, die ursprünglich für Marie Louise vorgesehen waren.
Das Arbeitszimmer des Kaisers im Palazzina ist mit Möbeln aus einer elbanischen Apotheke eingerichtet – streng und nüchtern. Heiterer die Radierung „Napoléon Buonapoarte, écrivant des amours, dans l’Isle d’Elbe“: Offenes Fenster mit Blick auf Meer und Schiff, ein Portrait von Marie-Louise an der Wand. Er schreibt, plant, träumt.
Napoleon wollte ein guter Herrscher über den kleinen Staat sein. Als Tatmensch fühlte er sich herausgefordert; er verwaltete ein Königreich, das sich Sancho Pansa auf seinen Irrfahrten mit Don Quijote erträumt hätte. Er baute Straßen, ließ ein Krankenhaus errichten und gründete ein Theater. Sein Wappen mit den drei goldenen Bienen hat die Insel Elba in den Rang einer Nation erhoben. Die Gegenwart des Kaisers brachte Unruhe und Schwung auf die verträumte Insel. Napoleon ließ er sich mehrere Residenzen auf Elba einrichten. Die Villa San Martino diente als Winterpalais; sie liegt nur fünf Kilometer vor Portoferraio. Zwischen Wäldern und Weinbergen organisierte er sein „maison rustique“, das ihn an das Pariser Leben erinnern sollte: „que tout soit comme à Paris.“ Die Villa hat einen „ägyptischen Saal“, ein „Bad der Wahrheit“, Vorzimmer, Arbeitszimmer und stilvolles Schlafzimmer. Die Marmorwanne im Badezimmer trägt das Motto „Qui odit veritatem odit lucem“ - Wer als Lügner hineintaucht, kommt als Freund der Wahrheit heraus. Eine nützliche Übung nicht nur für Napoleon.
Ein Problem waren die vielen Besucher aus ganz Europa: Portoferraio fühlte sich überfordert. Engländer, Franzosen, Italiener, Adel, Bürger und Militärs wollten den „homme fatal“ besuchen. Napoleon ließ ein gutes Hotel für sie bauen. Er schien den Rest seines Lebens auf Elba verbringen zu wollen: „Der Kaiser ist tot, ich bin nichts mehr; ich denke an nichts mehr außer an meine kleine Insel...“
Doch es kam anders: Nach ruhmreicher Vergangenheit will er sein Schicksal erneut zwingen. Er ist erst 45 Jahre alt, die versprochene Pension bleibt aus, er fürchtet sich vor Attentaten. Hatte Talleyrand nicht mehrmals gesagt: „Man muss sich des Mannes auf der Insel Elba entledigen“? Bruder Joseph warnte ihn aus der Schweiz vor den Preußen. Besucher aus Frankreich berichteten von Konspirationen der Republikaner und Bonapartisten gegen Ludwig XVIII. Er musste sich beeilen.
Am Abend des 26. Februar 1815 verließ Napoleon Bonaparte Elba an Bord der Inconstant. Er hatte seine Abreise minuziös vorbereitet. Eine Proklamation kündigte sein Ziel an: „Der blau-weiß-rote Adler wird von Turm zu Turm fliegen bis zu den Zinnen von Notre-Dame.“ Die Rückkehr nach Paris über Grenoble und Lyon wurde zum Triumphzug. Der Rest ist Geschichte.
Ein Besuch der Napoleon-Residenzen auf Elba ist angenehmer als die Touristenmaschine in Florenz oder Siena. Im Garten des Palazzina darf die Seele baumeln, der Blick übers Meer ist zeitlos. Die touristische Neugier treibt nur wenige Besucher hierher. Erstaunlich wenige Franzosen besuchen den alten Kaiser auf Elba. Ob sie das Exil noch heute verdrängen?
„Sein Leben war das Schreiten eines Halbgottes von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg“, soll Goethe laut Eckermann gesagt haben. Man wird nachdenklich auf der Fähre Richtung Piombino: Machtmenschen faszinieren; sie bedrohen, verführen, stürzen Generationen in den Abgrund. Doch man kann sich ihnen nicht entziehen. Napoleon auf Elba ist ein Mosaiksteinchen der europäischen Geschichte. Der Kaiser als Mythos, Europa als Schlachtfeld sich ständig bekämpfender Machtinteressen. Das gibt zu denken. Auch heute.
Lebenslauf von Napoleon Buonaparte
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15. August 1769 |
Geburt als zweiter Sohn des Ehepaars Carlo Buonaparte und Lätitia Ramolina in Ajaccio (Korsika) |
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1779 - 1785 |
Schüler an den Militärschulen in Brienne und Paris |
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28. Oktober 1785 |
Sekondeleutnant der Artillerie |
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1793 |
Brigadegeneral - Auszeichnung für die Einnahme von Toulon |
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5. Oktober 1795 |
Niederschlagung eines royalistischen Aufstandes in Paris |
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9. März 1796 |
Heirat mit Marie-Rose Joséphine Tascher de la Pagerie, Witwe des Generals Beauharnais und Mutter von zwei Kindern (Eugène und Hortense) |
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10. November 1799 |
Staatsstreich und Ausrufung zum Ersten Konsul (für 10 Jahre) |
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24. Dezember 1800 |
Attentat auf Napoleon in Paris |
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2. August 1802 |
Konsul auf Lebenszeit (begründet durch ein Plebiszit) |
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18. Mai 1804 |
Kaiserproklamation Napoleons |
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2. Dezember 1804 |
Krönung zum Kaiser in Notre Dame de Paris |
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6. August 1806 |
Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation |
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15. Dezember 1809 |
Scheidung von Joséphine |
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1. April 1810 |
Heirat mit Marie-Louise von Österreich |
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20. März 1811 |
Geburt des einzigen Sohnes |
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6. April 1814 |
Abdankung in Fontainebleau und anschließendes Exil auf Elba |
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26. Februar 1815 |
Napoleon verläßt sein Exil auf Elba |
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1. März 1815 |
Landung in Frankreich |
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22. Juni 1815 |
Zweite und endgültige Abdankung |
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15. Juli 1815 |
Verbannung auf die Insel Sankt Helena |
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5. Mai 1821 |
Tod auf Sankt Helena |
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1840 |
Überführung der sterblichen Überreste nach Paris und Beisetzung im Invalidendom |
Diese Tabelle stammt von der Website www.napoleon-online.de.













